Wenn man heute von “Einschulung” redet, muss man auch von der Schultüte reden. Sie ist das eindeutige Kennzeichen der Mädchen und Jungen, die zum allerersten Mal in die Schule gehen.
Der Schulanfang ist so alt wie die Schule selbst. Kain und Abel mussten vermutlich noch nicht zur Schule, deshalb bekamen sie auch noch keine Schultüte. Wann es wirklich die erste Schultüte gab, weiß man nicht so genau. Nicht immer wurde gleich alles aufgeschrieben, was einem so als neue Idee eingefallen war. Das ist ganz besonders mit den Bräuchen so.
Im Jahr 1817 aber bekam ein Schüler in Jena “Eine mächtige Tüte Konfekt” zu seinem ersten Schultag. Drei Jahre später überraschte ein Vater in Dresden seinen Sohn mit einer heimlich beim Bäcker gekauften Zuckertüte. Ob dieses nun schon ebensolche Tüten waren, wie wir sie heute kennen, wurde nicht mit berichtet. Und das obligate Einschulungsfoto gab es ja noch nicht.
Allerdings war die Zuckertüte, wie sie wegen ihres hauptsächlichen Inhaltes vor allem in Thüringen und Sachsen noch heute heißt, schon 1852 Anlass, ein Kinderbuch darüber zu zeichnen und zu schreiben. Da wuchsen auch bereits die Zuckertüten an einem Zuckertütenbaum, der im Schulhause steht. Dieser Baum konnte auf dem Dachboden oder im Keller des Schulhauses stehen. Heute hängen die Tüten in manchen Orten sogar an richtigen Bäumen - vor allem in Thüringen und Sachsen.
Vor 150 Jahren waren es sicher nur Kinder der gehobenen Schichten, die ein Einschulungsgeschenk bekamen. Die meisten anderen Kinder mussten möglicherweise noch in der Landwirtschaft helfen oder durch andere Arbeiten zum Familienunterhalt beitragen, statt die Zeit in einer Schule zu vertrödeln. Doch mit der Zeit wurde die Schulpflicht mehr und mehr durchgesetzt. Und die Schultüten wurden auch häufiger - zunächst in Thüringen und Sachsen. Um 1910 soll Carl August Nestler im erzgebirgischen Ort Wiesa - in Sachsen - damit begonnen haben, Zuckertüten fabrikmäßig herzustellen. Seit der Zeit wanderte der Schultütenbrauch dann in das übrige Deutschland. In den kleinen Orten Westdeutschlands dauerte es allerdings bis in die 50-er Jahre dieses Jahrhunderts, bis auch dort die Tüten ankamen. Die verschiedenen “Schlechten Zeiten” hatten sicher etwas damit zu tun.
Die Form der Tüten hat sich in den letzten hundert Jahren nicht wesentlich geändert. Es überwiegt der runde Spitzkegel. In der ehemaligen DDR hatte sich als Haupttüte eine sechseckige Tüte durchgesetzt, die auch heute dort noch vorgezogen wird. Nur für die Nebentüten, die von der näheren Verwandschaft geschenkt werden, sind dann wieder kleinere runde Tüten gefragt.
In einigen deutschen Gegenden gab es statt der Tüte auch andere Geschenke, z.B. verschiedene Arten von Brezeln in Hessen, Rosinen und Backpflaumen in Ostfriesland.
Das Wort “Zuckertüte” klingt einigen besorgten Eltern und Zahnärzten heute sehr verdächtig. Hinweise, was alles in die Tüte kommen sollte, finden sich alle Jahre wieder in den Medien. Doch so schlimm, wie in den schon genannten “Schlechten Zeiten” sollte es nicht wieder kommen: Um die Tüte wenigstens als Abzeichen zu wahren, wurde sie zunächst mit Holzwolle, Knüllpapier oder Kartoffeln gefüllt, worauf dann eine dünne Lage selbstgebackener Kekse lag. Es muss ja nicht gleich das Handy sein!


